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Carl Hilty – Was ist Glück?  Zu seinem Todestag am 12. Oktober 1909

Teil I  Professor und Nationalrat in Bern

Vor 100 Jahren starb Carl Hilty. Jugend, Schule und Tätigkeit als Advokat verbinden ihn mit Chur. Bern war seit 1874 sein Lebensmittelpunkt; in den Nationalrat wurde er 1890 im Wahlkreis St. Galler Oberland gewählt. Mit Werdenberg blieb er durch die Jugenderinnerungen und Aufenthalte im Schloss Werdenberg verbunden. Hier und in Chur wird die Erinnerung an den Schriftsteller Carl Hilty seit jeher gepflegt – Grund genug, seinen hundertsten Todestag zum Anlass zu nehmen für eine Rückbesinnung.

Im ersten Teil sollen das Berufsverständnis des Hochschullehrers und seine politische Tätigkeit im Zentrum stehen; ein zweiter Beitrag wird seiner Jugendzeit in Chur und seinem Werdegang gewidmet sein; der dritte Teil beschäftigt sich mit dem Ethiker und Theologen Carl Hilty. portrait_03-hilty-jung-vekl

l      Tod und Beerdigung

Am 12. Oktober 1909 starb Carl Hilty in Clarens am Genfersee nach einem Spaziergang mit seiner Tochter, nachdem er am Morgen noch gearbeitet hatte; ein lautloser und friedlicher Übergang beendete ein reiches Leben äusserlicher Ruhe und grosser innerer Spannung. Seine letzte kleine Schrift trägt den Titel „Vom Geheimnis der Kraft.“

Hilty stand im 77. Lebensjahr, war immer noch Professor für Recht an der Universität Bern und Nationalrat, einer grösseren Öffentlichkeit weit über den deutschsprachigen Raum Europas hinaus war er als Verfasser ethischer-religiöser Schriften und Traktate bekannt und betreute das von ihm begründete „Jahrbuch der Schweizerischen Eidgenossenschaft“.

Am 15. Oktober 1909 fand in der Heiliggeistkirche in Bern die Trauerfeier statt; an ihr nahmen Vertreter des Bundesrates, der Regierung des Kantons Bern, des National- und Ständerates, der Armee sowie der Universität teil, unter den Trauergästen aus allen Gesellschaftsschichten waren eine grössere Anzahl Vertreter der Heilsarmee.

l      Würdigung und Nachleben

Bis zum Ende des Jahres 1909 erschienen in Dutzenden von Zeitungen und Zeitschriften Aufsätze und Nekrologe; vom Nachruf im Werdenberger & Obertoggenburger wurde im „Alvier“ vor einer Woche berichtet. Diese Nachrufe bezeugen die Wertschätzung, die der würdige Greis iweit über die Grenzen der Schweiz hatte.

Bereits 1914 setzte sich eine Dissertation mit Hiltys Auffassung vom Christentum auseinander. Aus der Fülle seiner moralphilosophischen und lebenskundlichen Abhandlungen erschienen in den nachfolgenden rund fünfzig Jahren zahlreiche „Lesebücher“ mit Zitaten beeindruckter Leser, zwei Monographien befassten sich mit ihm als Mahner zu einer ethischen Gesellschaft oder als Erbe einer klassischen Bildungstradition; den Abschluss bildet eine breit angelegte Biografie, die bis heute Ausgangspunkt aller ernsthaften Beschäftigungen mit Carl Hilty darstellt.[1]

l      Hilty als Hochschullehrer

Abgesehen von seiner Jugend und ersten Tätigkeit als Anwalt in Chur war aber Bern Mittelpunkt seiner vielfältigen Tätigkeitkeiten. Bereits 1874 wurde der 41-jährige als Professor für schweizerisches Staatsrecht an die Universität berufen; von Beginn an lag der Mittelpunkt seines Denkens und Forschens in einem mehr historischen Verständnis der Rechts- und Staatswissenschaft; so interessierte ihn ganz besonders die Helvetik, jene Übergangsepoche, als die Alte Eidgenossenschaft nach der französischen Revolution sich auf den Weg machte zum Bundesstaat. Bereits zu Beginn seiner Lehrtätigkeit veröffentlichte er seine Vorlesungen über die Politik der Eidgenossenschaft und hielt öffentliche Vorträge mit dem Thema„Ideen und Ideale schweizerischer Politik“.[2] 1891 verfasste er zur 600-Jahrfeier der Eidgenossenschaft im Auftrag des Bundesrats den monumentalen Band „Die Bundesverfassungen der schweizerischen Eidgenossenschaft“.

Hilty verstand sich auch als Hochschullehrer als politischer Erzieher der Studenten und, darüber hinaus, der Nation.[3] Sein Konzept der Staatsform der Republik sieht die wirkliche Aufgabe der Schweiz in einer inneren Erhebung gegen kleinliche, materialistische und egoistische Staatsgesinnung – was gerade heute politisch und wirtschaftlich brisant ist.

l      Das Jahrbuch der Schweizerischen Eidgenossenschaft

Ganz vor diesem Hintergrund muss man auch das „Jahrbuch der schweizerischen Eidgenossenschaft“ sehen. Von 1886 bis zu seinem Tod hat Carl Hilty jährlich einen Band von mehreren hundert Seiten redigiert, viele Beiträge selber verfasst: „Das Jahrbuch wurde von den Zeitgenossen als wichtige Quellenpublikation empfunden, Hiltys Interpretationen und Wertungen mit Interesse gelesen, disktutiert, von vielen gerne angenommen, von anderen als unfundiert abgelehnt. Alle aber spürten, dass sie es mit einem Manne zu tun hatten, der aus dem Gefühl der Verwantwortung für die Schweiz seine Berechtigung herleitete, über die Handelnden der Gegenwart zu Gericht zu sitzen.“fasst Mattmüller zusammen.[4]

l      Frauenstimmrecht

Als Beispiel für sein politisches und publizistisches Engagement aus innerer Überzeugung soll Hiltys  Einstehen für das Frauenstimmrecht genannt werden: „In eine spätere Bundesverfassung der schweizerischen Euidgenossenschaft könnte unseres Erachten von einer kommenden Generation ohne grosses Bedenken folgender Satz aufgenommen werden: Es steht den Kantonen frei, in ihren Verfassungen dem weiblichen Geschlechte das Stimmrecht in kantonalen, oder Gemeinde-Angelegenheiten, sowie das aktive und passive Wahlrecht mit Bezug auf kantonale und Gemeinde-Behörden, uneingeschränkt oder mit Beschränkung auf bestimmte Gegenstände einzuräumen …“ schrieb Hilty im Jahr 1897. Seine vorsichtige und juristische Formulierung wäre zu ergänzen durch seine oft bissige Kritik am „Parasitendasein“ der grossbürgerlichen Frauen.

l      Carl Hilty als Politiker und Nationalrat

Auch als Politiker lässt sich Hilty nicht einfach einordnen. 1890 wurde er vom 33. Wahlkreis (St. Galler Oberland) auf Vorschlag eines liberalen Komitees in den Nationalrat gewählt, verfolgte aber die Politik der Freisinnigen stets in kritischer Distanz. Bei aller Subjektivität des Urteils sind seine jährlichen Mitteilungen im Jahrbuch eine wichtige Quelle zu den Parteientwicklungen. Im Nationalrat wurde er geachtet und als Redner und juristischer Fachmann geschätzt, nahm aber wenig Einfluss auf das Tagesgeschehen.[5] Mit seinen Ansichten stand er oft zwischen den parteipolitischen Fronten und hatte keine Berührungsängste mit den Katholisch-Konservativen oder auch mit den Sozialisten.

l      Carl Hilty heute?

Was bleibt, ist das Zeugnis eines Lehrers und Professors, der sein Leben und seine Zeit von einer höheren Warte als denkender und glaubender Mensch  beobachtete und beschrieb, mahnte und warnte, aber stets im Rahmen einer bürgerlichen Gesellschaft blieb. Er hatte den Mut, seine Gedanken zu den Grundfragen des menschlichen Lebens und Einsichten in das Funktionieren von Gesellschaft zu verbinden mit seiner religiösen Überzeugung  -  mit den grossen geistigen Umwälzungen der Zeit um 1900 in Kunst, Literatur und Philosophie hatte er kaum etwas gemein, er war kein Prophet bahnbrechender Einsichten, sondern ethischer Mahner in seiner Zeit.

Die Beharrlichkeit, mit der er den Materialismus des Industriekapitalismus und das rücksichtslose Gewinnstreben bekämpfte, mag etwas skurril vorkommen – aber gerade in der gegenwärtigen Finanz- und Wirtschaftskrise wird der Verlust ethischer Grundlagen als Hauptursache erkannt: Es wäre interessant, mit Carl Hilty darüber ein Gespräch zu führen!


[1] Hanspeter Mattmüller, Carl Hilty 1833-1909. Basel 1966. Im übrigen sei verwiesen auf die Beiträge, welche das Werdenberger Jahrbuch 1995, 1998 und 2009 Hilty gewidmet hat.

[2] Vgl. dazu Otto Ackermann, Carl Hilty und die Helvetik. WJB 1998, S. 88-95.

[3] Vgl. dazu  Otto Ackermann, Carl Hilty  Praeceptor Helvetiae? WJB 1995, S. 178-183.

[4] Mattnmüller S. 142. – Zu einer grösseren Untersuchung zu Hiltys Jahrbuch sei verwiesen auf Otto Ackermann,  Fin de Siècle. Carl Hilty und das „Politische Jahrbuch der Schweizerischen Eidgenossenschaft.“ WJB 2009, S. 215-22.

[5] Nach den wenigen Angaben von Mattmüller S. 158f. Eine ausführlichere Untersuchung und Darstellung zum Politiker Hilty steht noch aus.

Carl Hilty –  Was ist Glück? Zu seinem Todestag am 12. Oktober 1909

Teil II  Jugendjahre in Werdenberg und Reifung in Chur

Carl Hilty trägt einen Werdenberger Namen mit gutem Klang, und die Erinnerung an ihn blieb in unserer  Region besonders lebendig. Als er vor 100 Jahren im 77. Altersjahr starb, wurde sein über 30-jähriges Wirken in Bern als Jurist, Politiker und seine Bekanntheit als Verfasser populärethischer Schriften weitherum gewürdigt. Dabei spielte naturgemäss sein Werdegang im zeitlich und räumlich fernen Chur keine grosse Rolle. Dieser wird im heutigen Beitrag im Mittelpunkt stehen; abschliessen soll ein dritter Teil, der dem Ethiker und Theologe Carl Hilty gewidmet sein wird.

Hiltys Beziehung zu Werdenberg

Carl Hilty war der jüngste Sohn des Arztes Johann Ulrich Hilty und der Elisabeth Killias aus einer altbürgerlichen Churer Familie.[1] Er wurde am 28. Februar 1833 im „Rothen Haus“ beim Städtcheneingang „fast zufällig“ geboren und in der alten Kirche von Grabs getauft und „nach einigen Wochen, wie mir meine liebe Mutter oft erzählt, in einer grossen Schachtel in den gewöhnlichen Wohnort der Familie, die gute Stadt Chur, importirt.“ Dies schreibt Carl Hilty 1879, als er von seinem neuen Tätigkeitsfeld Bern aus seinen Werdegang unter dem Titel „Innere Lebensgeschichte“ überblickte.

1835 hatte der Vater das Schloss gekauft und die Familie verbrachte jedes Jahr drei Ferienmonate hier, 1847 wurde es zu ihrem Wohnsitz; nach dem Tode des Vaters gab es einen erbitterten Streit mit seinem älteren Bruder  um das Schloss.

Geburtsort und Schloss waren für ihn ein Traumland der Jugend: „Werdenberg blieb während der ganzen Jugendzeit nur ein goldener Ferienhimmel von 5—6 Wochen, ein Land der Träume, der Romantik, der Sentimentalität, das mit dem wirklichen Leben nichts zu tun hatte und daher auch immer demselben entschwand. Ich habe es eigentlich nie im Lichte der nüchternen Wirklichkeit, wie es sich bei ständigem Aufenthalt dort zeigen würde, gesehen, und die wenigen Einblicke dieser Art, die mir in späterer Zeit zu theil wurden, sind wirklich auch nicht dem Jugendideal entsprechend gewesen. Ich bin daher stets ein bloß idealer Bürger sowohl meiner eigentlichen ursprünglichen Heimat wie ein solcher meines ständigen Aufenthaltsortes gewesen, indem mein Vater niemals und ich auch erst späterhin das politische Bürgerrecht besaß. Meine wahre Heimat war in der Jugend das weite Land der unbekümmerten Sehnsucht, wo die blaue Blume der Romantik blüht; in späterer Zeit ist es ein anderes vorläufig ebenfalls nur ideales Land, ‘die Eidgenossenschaft’, geworden, an das allein ich mich von ganzem Herzen angeschlossen habe.“

Weit intensiver haben die Werdenberger Carl Hilty gekannt geschätzt, lange bevor er in Bern berühmt wurde. Als er 1863 zum ersten Mal wieder das vom Bruder umgebaute Schloss betrat, war dies wie die Rückkehr des verlorenen Sohnes: „Die Städter steckten alle lihre Köpfe zu ihren Schiesscharten heraus und schrieen über die Gasse ’der Carl! Der Carl!`. Sie vergessen mir nie, dass ich in ihrer Mitte geboren bin (…) und wenn ich glaube ich 80 Jahre alt würde, so würden ihre Enkel mich noch mit derselben Acclamation begrüssen. Es ist etwas Eigenes mit der Anhänglichkeit solcher Nester an ihre Mitbürger“.[2]

Beruf und Berufung

Die eben erwähnte Anhänglichkeit der Werdenberger beeindruckte den Carl Hilty und war die Grundlage für seine Wertschätzung und seine Liebe zu den „ungebildeten Volksclassen“, auch wenn er seit frühester Jugend vom Bewusstsein seiner eigenen „Ausserordentlichkeit“ ausging und die Beziehung zum einfachen Volk letztlich ein wohlwollendes Sich-Hinabneigen aus brüderlicher und christlicher Demut blieb.

Andererseits blieb er ein vehementer Kritiker der regierenden Schichten und erwartete eine Regeneration der Gesellschaft am ehesten von den einfachen und moralisch gefestigten Menschen, wahre Aristokratie und Elite suchte je länger desto weniger in Herkunft und Bildung.

Der einsame Musterschüler

Bereits in seiner Jugend als Schüler und Gymnasiast war Carl Hilty mit dem was, ihm aus der damaligen Schule entgegenkam, sehr unglücklich und suchte kritisch seinen eigenen Weg; ja es ist sogar von lebenslang immer wieder hervorbrechendem Hass auf die Schule und einzelne Lehrer die Rede. Ebenso war die religiöse Erziehung eine Quelle der Enttäuschung: Auf der einen Seite sdtand eine starre und offizielle Kirche, daneben gab es die liberalen und rationalistischen Gegenströmungen, fürs Gemüt stand der ungebildete, aber achtbare Pietismus, dem er in Grabs begegnete: All dies stand einem Theologiestudium im Wege, „obwohl dies eigentlich mein rechter Beruf gewesen wäre“.

Einen inneren Halt fand er in der Lektüre der griechischen und römischen Klassiker, deren Zugang ihm der geschätzte Rektor Hold geöffnet hatte; vor allem beeindruckte ihn die stoische Philosophie als Weg zu innerer Unerschütterlichkeit und Glück. Auch nach seiner Rückwendung zu seinem persönlichen Christentum hat er an eine Vereinigung der Stoa mit dem Evangelium geglaubt.

Deutsche Kultur im Studium

Als 18jähriger begann er nach der Matura im März 1851 in Göttingen Jurisprudenz zu studieren, freilich ohne Begeisterung und ohne Anschluss an die Studenten. Vor allem müssen ihn die Vorlesungen geprägt haben, in denen  Geschichte, Staatswissenschaft und Politik als Einheit aufgefasst wurden. Mehr noch beeindruckte den jungen Mann das Gesellschaftsleben in seiner Gastfamilie, einem Professor und ehemaligen Studienkollegen seines Vaters – es war eine neue Welt, die sich auftat. Nach drei Semestern in Heidelberg legte er bereits im Frühling 1853 die Doktorprüfung ab; darauf trotzte er im Sommer 1854 dem Vater eine halbjährige Reise nach England und Frankreich ab; seine Eindrücke hat er in einem genau geführten Tagebuch verarbeitet. Diese Zeit wurde für ihn eine eigentliche Reifeperiode, ein neuer Begriff der Aristokratie bildete sich: nicht mehr von der Geburt abhängig wie derjenige der Churer Oberschicht, auch nicht mehr im Nationalen oder ganz Lokalen verwurzelt: weltweit, nur an Bildung und Charakter gebunden, allen offenstehend, vom Besitz unabhängig. Bei der Lektüre des Tagesbuchs des jungen Mannes fällt auch die sprachliche Sicherheit und Brillanz auf, mit der er seine Überlegungen formuliert.

Ausweg aus der Enge

Nach Chur zurückgekehrt eröffnete Hilty ein Anwaltsbüro; die fast 20 Churer Jahre als erfolgreicher Anwalt waren geprägt durch die Ehe mit der deutschen Professorentochter Johanna Gaertner und die Geburt von drei Kindern, durch den Kontakt mit der liberalen deutschen Politik, den der bedeutende Politiker und Flüchtling Heinrich Simon, ein Onkel seiner Frau, vorlebte; ehrgeizige wirtschaftliche und politische Pläne zerschlugen sich.

In den Tagebüchern äusserte Hilty dennoch oft Zweifeln an seiner Lebensführung, abesr auch seinen persönlichen Anspruch, für etwas Grösseres und Bedeutenderes leben und schreiben (!) zu wollen. Die Zeit zwischen 1860 und 1875 war die Zeit einer inneren Umkehr, er gab mindestens drei klar fassbare Daten für eine innere Rückkehr zu einem persönlichen Christentum an; immer stärker fühlte er sich geführt von Gottes Stimme, hatte wiederholt Visionen und Auditionen.[3]

Recht und Ethik – Professor in Bern bis zu seinem Tod

Völlig überraschend kam 1874 die Berufung an die Universität Bern. Dort begann jene vielseitige Tätigkeit, die ihn berühmt gemacht hat über seinen Tod hinaus. Jetzt entfaltete er, was er seit seiner Jugend in seiner Heimat vergeblich gesucht hatte. Bis ins hohe Alter blieb er jedoch nicht verschont von Perioden innerer Schwäche. „Alle ethischen Hinweise Hiltys, gewonnen aus eigenem Erleiden, zielen auf die Erreichung der Gemütsruhe, eines Zustandes, der sich über das Dämonische erhebt, der das Bedrohliche überwinden und über dem Chaos eine höhere Ordnung sehen kann. Von diesem Kernproblem her muss Hiltys ganze Denkweise betrachtet werden.“[4]

Mit dieser grundlegenden Festellung sei auf den 3. Teil dieser Reihe hingewiesen, der dem Ethiker Carl Hilty gewidmet sein wird.


[1] Am ausführlichsten stellt Hanspeter Mattmüller  S. 1-115 Hiltys Jugend, Studienzeit und Tätigkeit als Advokat in Chur dar.

[2] Aus einem Brief Hiltys an seine Frau Johanna vom Januar 1863, zitiert nach Mattmüller S. 14. 1872, zwei Jahre vor dem Umzug nach Bern, erwarb dennoch das Grabser Bürgerrecht.

[3] Vgl. Die wichtigesten Zeugnisse zu diesem meist verkannten Aspekt bei Mattmüller S. 112, Anm. 236.

[4] Mattmüller S. 99.

Carl Hilty – Was ist Glück?  Zu seinem Todestag am 12. Oktober 1909

Teil III  Hiltys Ethik als seine religiöse Erfahrung von Kraft

Mit Carl Hiltys Wertschätzung als Professor und Politiker hat sich der 1. Beitrag in dieser Reihe befasst, im 2. habe ich seine Jugendzeit und seine Beziehungen zu Werdenberg und Chur dargestellt. Schwieriger gestaltet sich die Aufgabe, dem Verfasser einer grossen Zahl ethisch-religiöser Schriften gerecht zu werden: Welche persönlichen Erfahrungen und geistigen Kräfte standen und stehen dahinter? Wie erklärt sich deren ungewöhnlicher Erfolg?

Ringen um persönliche Lebensgestaltung

Carl Hilty war eine problematische Natur und empfand sich auch so: Neben dem mangelndem Selbstvertrauen war sein geradezu aristokratisches Bewusstsein der eigenen Erwählung. (Mattmüller)

Ausserhalb der Kirchen und der Parteien stehend war Carl Hilty offen für die Gedanken anderer, tolerant über die Konfessions- und Parteigrenzen hinweg. In den Fussnoten seiner Schriften und in den Jahrbücher zeigt er seine Belesenheit und die Autoren und Publikationen, die seine Einsichten bestärken.

Nirgends fand er eine seelische Heimat; er sehnte sich nach einer übergeordneten idealen Eidgenossenschaft; die ganze Welt, wie er sie erlebte, gab ihm keine Geborgenheit, und so er suchte  deshalb nach einem idealen Reich der ethischen Werte, der sittlichen Weltordnung.[1]

In Stufen hatte er zu seinem persönlichen Glauben und Christentum gefunden. Dieser vollzieht sich in intensiver Bibellektüre und –Kenntnis und als persönliche Antwort auf die grossen Sinnfragen seines Lebens wie auch als Hilfe für den Alltag.

Seine ethischen Publikation sind das Zeugnis seines steten Ringens, sind ebenso beschwörende Mahnungen und wie Zeugnisse für Momente innerer Gewissheit, die er dem lesenden und Sinn suchenden Bildungsbürger widmet.

Die Suche nach Glück

Von den vielen Schriften und Traktätchen Hiltys zeigt keine so direkt wie der Titel der dreibändigen Aufsatzsammlung „Glück“ die übergreifende Zielsetzung seiner schriftstellerischen Tätigkeit: „Man kann vom philosophischen Standpunkte aus dagegen sagen, was man will, was der Mensch, von der ersten Stunde des erwachenden Bewusstseins ab bis zum Erlöschen desselben am eifrigsten sucht, ist eben doch einfach das Gefühl des Glücks.“

Dieser Satz eröffnet den namensgebenden Aufsatz, der 1889 in den ‘Schweizerischen Blättern für erziehenden Unterricht“. Zwei Jahre zuvor hatte er Auf Ersuchen des Bündner Seminardirektors in den Bündner Seminar-Blättern einen Aufsatz publiziert, dessen Titel „Die Kunst des Arbeitens“ Hiltys eigene Erfahrungen und Ziele widerspiegelt und als Handreichung an die künftigen Lehrer gedacht war. Beides, Glück und Arbeit, entfaltete sich zuerst auf der Grundlage der antiken Vernunftphilosophie. Nun war aber Hilty seit fast drei Jahrzehnten bekennender Christ. Von seiner persönlichen Glaubensüberzeugung her kritisiert er den bloss „weltlichen“ Ansatz und will ihn durch ein individuelles, unkirchliches Christentum vertiefen. Daraus sind die 24 Aufsätze des Hauptwerks „Glück“ entstanden.[2]

Zeugnisse seiner Glaubensgewissheit

In der Hilty-Biographie von Mattmüller werden 20 gedruckte Schriften mit ethisch-religiösem Inhalt aufgeführt. Neben den Gelegenheitsaufsätzen sind es die drei Bände „Glück“, die „Briefe“ und „Für schlaflose Nächte“, die Hiltys Ruhm begründeten. Vieles ist verhältnismässig schnell geschrieben worden; seine eigenen Glaubenserfahrungen werden meist ungeprüft oder mit Verweis auf Bibelstellen zum allgemeinen Massstab erklärt. Noch in den letzten Lebensjahren verfasste er mehrere Abhandlungen, von denen „Sub specie aeternitatis“ (Im Anblick der Ewigkeit) und „Das Geheimnis der Kraft“ sich mit dem Tod auseinandersetzen und sozusagen sein Testament darstellen.

Hiltys gebildete Sprache, seine Abwendung vom starren dogmatischen und institutionellen Kirchentum faszinierte und bewegte eine bürgerliche Leserschaft. Schon zu Lebzeiten wurden seine Schriften in viele europäische und aussereuropäische Sprachen übersetzt. Nach seinem Tode erschienen Nachdrucke und Zitatensammlungen als geistige Hausapotheken in reicher Zahl.

Carl Hilty heute?

Hilty wollte in der geistigen Krise seiner Zeit seine Betroffenheit und Erfahrung eines persönlich Glaubenden einer ebenfalls suchenden Leserschaft vermitteln. Daher übten seine Schriften auf viele gereifte Menschen eine starke Wirkung aus, weil sie ihnen einen ethischen und auch politischen Standort jenseits der Parteien, Jenseits von Gunst und Hass ermöglichten und zur Besinnung auf als grundlegend erkannte Wahrheiten und Lebensweisheiten aufriefen – und immer noch aufrufen. Was bleibt, ist auch Hiltys Einsicht und Mahnung, dass Glück weder das Glücksgefühl bei guter Gelegenheit ist, sondern als Frucht einer selbst verantworteten Lebensweise gesucht wird. Sein ganzes Leben war dafür ein Zeugnis; seine scharfe Ablehnung von Besitzgier als einer dämonischen Gefahr seiner bürgerlichen Klasse, seine scharfe Kritik am Kapitalismus wirken wie ein Fanal im Blick auf die gegenwärtig erlebten Folgen einer sich der Ethik verweigernden (Finanz-)Wirtschaft.

Hiltys individueller und oft einsamer Weg hat in einer Zeit permanenter Glücksverheissungen in Medien und Konsumwelt wenig Echo. Auch bietet die gleiche Gesellschaft dem Einzelnen eine Vielfalt von Ausdrucksformen eines persönlich gestalteten Lebens; dieser kulturelle und religiöse Pluralismus ist das Ergebnis der grossen geistigen Umwälzungen und Erfahrungen des 20. Jahrhunderts: Die Relativierung des europäischen Menschenbildes durch die Begegnung mit anderen Kulturen lässt sich nicht rückgängig machen. Diesen neuen gesellschaftlichen Freiheiten bis hin zu à-la-carte-Religionen steht eine übergreifende Orientierungslosigkeit gegenüber, auf die ein unüberblickbarer Markt an Esoterik antwortet.

Das Geheimnis der Kraft

Für Hilty ist die eigene Erfahrung der eigentliche Beweis der Wahrheit; eine Haltung ist dadurch richtig, dass sie den Menschen zu innerer Ruhe führt und Kraft zum Handeln schenkt: Richtig ist diejenige Religion, die als Kraft erfahrbar ist. Solche Kraft bezeugen einzelne Heilige und religiöse Schriftsteller wie etwa Dante, erfahrbar wird sie aber vor allem in der eigenen Auseinandersetzung mit dem Leiden: „Spüren im eigenen Leben kann man Gott, und eine Kraft empfinden, die von ihm in uns übergehen kann. Das ist der einzig wirkliche Beweis, den man auch mit dem Verstande erfassen kann.“[3] In diesem Satz hat Hilty seine Grunderfahrung ausgedrückt.

Seine letzte Schrift trägt den Titel „Vom Geheimnis der Kraft“. Darin sucht er nach etwas, das in der Lage wäre, die heillose gesellschaftliche Wirklichkeit und materielle Zivilisation umzugestalten. Die Antwort findet er im „altmodischen“ Wort Liebe. Sie erkennt er als gestaltende Macht und zeigt die Wege auf, sie für das persönliche Leben im Sinne einer Selbsterziehung wie auch letztlich als Gnade zu erwerben: „Es handelt sich gar nicht bloss um Reform von Kircheneinrichtungen, oder um neue philosophische oder naturwissenschaftliche Erkenntnisse, sondern wir stehen jetzt vor der Aufgabe einer Vermehrung der Liebeskraft in der Welt.“[4] Ein Satz wie dieser letzte stellt Hilty an die Seite grosser Mahner wie sie etwa der Dalai Lama in unseren Jahren darstellt.

Zu Beginn seiner Schrift bekennt Hilty, dass er mit seinem Leben keineswegs zufrieden war: „Wenn ich dasselbe noch einmal anzufangen hätte, so würde ich nicht die wahre Weisheit, oder gar die Wahrheit selber, zu erlangen wünschen, sondern die wahre Güte“. Dieser Satz lässt den Weg seines Lebens ermessen: von der Wahrheit zur Güte heisst konkret: von der Bildung zum Glauben, von der Wissenschaft zur Prophetie, von Ehre und Besitz zur verzichtenden Liebe.

Es ist hier nicht der Ort, Inhalt und Bedeutung seiner letzten Schrift auszubreiten  -  „fromme“ Gedanken stehen neben überraschenden psychologischen Einsichten und praktischen Ratschlägen, die am Schluss in der Erkenntnis gipfeln: „Die Menschen müssen zuerst wieder die Liebe erlernen, bevor sie von sozialem Christentum oder Altruismus, Solidarität und Organisation der Arbeit ernstlich reden können; und man muss mit der Verbesserung der Individuen beginnen, bevor man zu derjenigen der Massen schreiten kann.“[5]

Beschwörend endet das Büchlein mit einer persönlichen Anrede: „Also, wenn Sie sich krank, oder sonst schwach, bedrückt, vom Leben enttäuscht und entmutigt, oder verkümmert und vereinsamt fühlen – fassen, oder erneuern Sie den Entschluss zur Liebe. Das wird Ihnen helfen können. AMOR VINCIT OMNIA.“[6]

Den abschliessenden lateinischen Satz „Die Liebe überwindet alles“ liess sich Carl Hilty auf seinen Grabstein setzen.

Hilty hat seine Gedanken auch in fromme Gedichte gegossen; den Schluss von „Das Geheimnis der Kraft“ bilden diese Strophen:

Es wird noch einmal werden,

Bevor die Welt vergeht,

Dass doch auf dieser Erden

Ein Friedensreich entsteht.

Ein Reich der Edlen, Freien,

Auch von sich selber frei.

Ein Bund der Wahren, Treuen,

Dem Geist des Guten treu.

Es wird zu keinem Tempel

Dies Volk vereinigt gehn,

Man wird den gleichen Stempel

Auch sonst an allen sehn.

Und wo nur Einer bliebe,

Da würd’ er nicht besiegt,

Es ist die Kraft der Liebe,

Die alles überwiegt.


[1] Nach Mattmüller S. 104f.

[2] Im Werdenberger Jahrbuch 2009 habe ich sie ausführlich dargestellt und auch die Frage gestellt, wie weit ihnen eine innere Geschlossenheit zukommt.

[3] Zitiert nach Mattmüller S. 283 aus „Briefe“, S. 120.

[4] Geheimnis der Kraft S.46.

[5] a.a.Ort S. 104

[6] a.a.Ort S. 105.

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